SSES-Regionalbeilage
Nordostschweiz Nr. 1, Februar 2011 -
Seite 2 -
| Die erste Etappe des
Auswahlverfahrens für geologische Tiefenlager steht vor dem
Abschluss. Bis Ende November 2010 konnten alle Interessierten zu den
Standortgebietsvorschlägen Stellung nehmen. In diesem Rahmen stand
auch die Veranstaltung in Neunkirch. Teilnehmer waren Werner
Bühlmann und Monika Jost vom Bundesamt für Energie, Regierungsrätin
Ursula Hafner-Wipf, der Schaffhauser Stadtpräsident Thomas Feurer,
Hans Wanner Direktor des Eidgenössischen
Nuklearsicherheitsinspektorats ENSI, Michel Matthey, Vizedirektor
des Bundesamts für Raumentwicklung, sowie Thomas Ernst von der
Nagra. Hanns Fuchs moderierte den Abend, der von Mitgliedern des
gegen Tiefenlager kämpfenden Vereins Klar, die auf gelben Fässern
mit dem Atomsignet trommelten, akustisch eingeleitet worden war. Seit 2005 ist in der Schweiz das Kernenergiegesetz in Kraft. Es schreibt fest, dass die Lagerung von stahlenden Abfällen grundsätzlich in der Schweiz zu erfolgen hat, weil das Verursacherprinzip gilt. Wie die Suche nach einem Lagerstandort zu erfolgen hat, ist im Sachplan Gelologische Tiefenlagen festgeschrieben. Im Rahmen dieses Auswahlverfahrens informiert das Bundesamt für Energie die Bevölkerung der für ein Tiefenlager geologisch in Frage kommenden Gebiete regelmässig. Vom allfälligen Standort Südranden sind 3 Gemeinden im Kanton Thurgau, 5 in Deutschland, 12 im Kanton Zürich und 22 im Kanton Schaffhausen betroffen. Die Schaffhauser Regierung kämpft auf der politischen Ebene gegen die geplanten Tiefenlager im Südranden und im Zürcher Weinland. Sie hat einen sozioökonomische Studie in Auftrag gegeben, um die negativen Auswirkungen auf die Region zu dokumentieren, denn der Bund habe seine Analysen "allzu einseitig auf die technischen Aspekte ausgerichtet". Auch für den Schaffhauser Stadtpräsidenten ist in der Debatte der letzte Vorhang nicht gefallen: "Für uns ist noch ganz vieles nicht gelöst und nicht abgesprochen." Nach der Veranstaltung stellten wir Monika Jost vom Bundesamt für Energie, Regierungsrätin Ursula Hafner-Wipf, Stadtpräsident Thomas Feurer und ENSI-Direktor Hanns Wanner einige Fragen. Herr Wanner, Sie sind Schaffhauser. Geraten Sie nicht in einen Gewissenskonflikt, wenn Sie einen Standort in Ihrer Heimat prüfen? Hans Wanner: Nein. Das ENSI ist die Aufsichtsbehörde des Bundes für die Kernanlagen. Wir haben die Aufgabe, die Sicherheit in den Kernanlagen zu überwachen und die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben durchzusetzen. Das betrifft auch die geologischen Tiefenlager. Mit meiner Herkunft hat das nichts zu tun. Für mich ist die Sicherheit wichtig. Wir würden nie ein Projekt absegnen, wenn wir nicht überzeugt wären, dass Mensch und Umwelt geschützt sind, und von daher sehe ich auch nicht, dass eine Region durch ein Tiefenlager gefährdet ist. |
Herr Feurer, wie weit
würden Sie gehen beim Widerstand gegen ein Tiefenlager? Thomas Feurer: Innerhalb unseres Startteams "Plattform Südranden", das den Bundesauftrag hat, die Bevölkerung zu informieren, fragen wir uns angesichts des Wissensvorsprungs des Bundes gegenüber uns immer wieder: Isrt unsere Rolle nicht nur ein Feigenblatt? Radikalisierung ist für uns kein Thema, aber: wenn schwach und mittel radioaktive Abfälle ein Wespengift sind, sind hoch aktive Abfälle von der Gefährlichkeit her eine schwarze Mamba. Für uns kommt die Diskussion über eine Endlagerung deshalb zu früh. Das Gesetz schreibt das zwar vor, aber wie kann uns ein heutiges Gesetz vorschreiben, was wir mit Abfall machen sollen, der eine Million Jahre giftig bleibt? Das finde ich ziemlich waghalsig. Frau Hafner, auch der Kanton Schaffhausen bezieht Strom aus Kernkraftwerken, und zwar mit einem Anteil von 79 Prozent an der gesamter Elektrizität. Ist der Widerstand gegen ein Tiefenlager nicht Sankt-Florians-Politik? Denn auch eine andere Region wäre durch ein solches Lager allenfalls weniger attraktiv. Ursula Hafner-Wipf: Das ist richtig, aber wir müssen uns für unseren Kanton wehren. Die Regierung hat durch eine Studie aufgezeigt, dass wir uns um das Jahr 2035 herum von Kernkraftwerken unabhängig sein und die Energie, die wir brauchen, aus alternativen Energiequellen schöpfen können. Daher haben wir das Recht, zu sagen, wir wollen den Abfall der andern nicht übernehmen, den sie noch jahrzehntelang produzieren. Frau Jost, wie gehen Sie mit Widerstand um? Ist der Sicherheitsgedanke stärker als die Demokratie? Monika Jost: Beidem muss Rechenschaft getragen werden. Unser Anliegen ist, durch Information und die Möglichkeit zur Mitgestaltung Akzeptanz zu schaffen und dafür zu sorgen, dass die Leute die Problematik und die vorgeschlagene Lösung verstehen und aus dem Verständnis heraus sagen: "Wir wollen das Tiefenlager zwar nicht, aber wir dulden es." Würden Sie persönlich so handeln? Monika Jost (lacht): Ja, ich bin Geologin und habe mich lange mit Gesteinen befasst. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass man ein sicheres Lager bauen kann, und ich würde mich freuen, wenn ich als Grossmutter zum Beispiel zusehen könnte, wie ein solches Tiefenlager Gestalt annimmt und dann die ersten Behälter antransportiert und eingelagert werden. |
![]() ![]() |
|
| Hanns Wanner, Direktor ENSI | Thomas Feurer, Stadtpräsident Schaffhausen | |
![]() ![]() |
|
| Ursula Hafner-Wipf, Regierungsrätin SH | Monika Jost, Geologin Bundesamt für Energie |