SSES-Regionalbeilage Nordostschweiz  Nr. 4, August 2009 - Seite 2 -

Energieeffizienz ist ein Geschäft, Atom ist nur teuer

Die Schweiz steckt mitten in einer Debatte über den Bau neuer Atomkraftwerke.
Für den amerikanischen Physiker Amory Lovins sind erneuerbare Energien die Zukunft und Kernkraftwerke veraltet.

aus  "Migros-Magazin" Nr. 30 vom 20. Juli 2009

Amory Lovins, wie hoch ist Ihre Stromrechnung?
Null.

Wieviel bezahlen Sie fürs Heizen?
Nichts. Wir wohnen in Colorado auf 2200 Meter Hohe, wo die Temperaturen bis minus 44 Grad fallen können. Ein Heizsystem haben wir nicht, wir nutzen nur die Sonne. Trotzdem ist es behaglich warm; im verglasten Atrium in der Mitte des Hauses ernten wir regelmässig Bananen.

Ein solches Haus kann sich nicht jeder leisten.
Doch. Wir haben beim Bau Spezialfenster eingesetzt, die Dank Einsatz von Edelgas besonders gut isolieren. Sie waren nur 15% teurer als eine herkömmliche Doppelverglasung. Gleichzeitig haben wir die Ausgaben für eine Heizanlage gespart. In Europa stehen Tausende solcher Passivhäuser - nicht teurer als andere.

Als Stromkonsument sind Sie eine Ausnahme. In der Schweiz steigt der Verbrauch, die meisten Prognosen prophezeien eine Versorgungslücke. Lösen neue Kernkraftwerke das Problem?
Rein technisch gesehen: ja. Aber der Einsatz von Kernenergie ist etwa gleich sinnvoll, wie wenn man Kaviar nähme, um den Hunger auf dieser Erde zu bekämpfen - viel zu teuer.

Teuer? Das AKW Mühleberg produziert Strom für sechs bis sieben Rappen pro Kilowattstunde. Das ist etwa die Hälfte des Durchschnittspreises, den ein Verbraucher zahlt.
Nur alte Meiler kommen auf solche Preise. Weil schon seit Jahren kaum noch Kernkraftwerke gebaut werden, sind Engpässe bei der Herstellung entstanden. So existiert weltweit nur noch ein Unternehmen, das die Stahlhüllen für Reaktoren schweissen kann. Es steht in Japan und kann bloss fünf bis sechs Stück pro Jahr herstellen. Die Verknappungen treiben die Baukosten in die Höhe.

Wie viel kostet Strom aus einem neuen Atomkraftwerk?
Die Ratingagentur Moody's hat für ein Kernkraftwerk 7500 Dollar pro Kilowatt installierter Leistung berechnet. Das ergibt Kosten von 20 US-Cents pro Kilowattstunde. Dieser Preis ist nicht konkurrenzfähig. Trotz staatlicher Subventionen finden sich in Amerika deshalb praktisch keine Investoren. Auf dem freien Markt ist die Atomkraft chancenlos.

Lassen sich diese Zahlen auf die Schweiz übertragen?
Die Grössenordnung ist dieselbe: 20 Rappen pro Kilowattstunde.

Kernenergie hat dafür den Vorteil, dass sie CO2-frei ist.
Weil die Atomenergie so teuer ist, entlasten andere Energieträger das Klima pro eingesetzten Franken viel stärker: Windkraft und Wärmekraftkoppelung schneiden dreimal besser ab, Investitionen für mehr Energieeffizienz bis zu zehnmal besser. Das hat damit zu tun, dass ein Kernkraftwerk im Betrieb zwar kaum CO2 freisetzt, der Abbau und die Anreicherung von Uran aber in einem gewissen Mass CO2 ausstossen.

Will die Schweiz auf neue AKWs verzichten, muss sie bis 2035 so viel Elektrizität mit erneuerbaren Energien und Effizienzgewinnen abdecken, wie die KKW Beznau I+II und Mühleberg produzieren. Die Elektrizitätswirtschaft hält dieses Szenario, das auf den Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft baut, für illusorisch.
Ich bin seit über dreissig Jahren auch in der Schweiz tätig und kenne viele Gebäude und Fabriken. Meiner Meinung nach ist das Szenario des Bundesamts, das vorrechnet, wie diese Terrawattstunden mit erneuerbaren Energien und Effizienz abgedeckt werden können, ziemlich zurückhaltend - da liegt sehr viel mehr drin.

Sie sagen, Energieeffizienz sei zehnmal günstiger als Atom. Wie sieht diese Rechnung aus?
Pro Kilowatt Strom, die man in Privathaushalten einsparen will, muss man mit Kosten von zwei US-Cents rechnen. In der Industrie oder in Büroliegenschaften ist es oft nur ein Cent, ein halber Cent - oder gar nichts.

Wie funktioniert das?
Bei einem Neubau oder einer anstehenden Sanierung wählt man eine clevere Konstruktionsweise, die im Betrieb Energie spart und auch bei den Baukosten günstiger abschneidet. Das Rocky Moutain Institute, das ich leite, beriet z.B. Texas Instruments beim Bau einer Halbleiterfabrik. Der Energieverbrauch liegt 20%, der Wasserverbrauch 35% tiefer als bei herkömmlicher Bauweise - und die Baukosten waren 30% günstiger.

Klimaschutz ist also rentabel?
Klar. Wir haben unzählige Projekte in allen möglichen Branchen durchgeführt und 30 bis 60 Prozent Einsparungen erreicht. Im Durchschnitt waren die Investitionen in drei Jahren amortisiert.

Funktioniert das auch in Europa?
Wieso nicht? Wir designen in Paris ein Gebäude mit 100'000 Quadratmetern, das mehr Strom produziert, als es verbraucht.


Trotzdem: Der Stromverbrauch steigt nicht nur in der Schweiz unaufhaltsam an.
Vor allem die Haushalte verbrauchen mehr. Beleuchtung etwa hat stark zugelegt, offenbar sind viele ineffiziente Leuchtkörper im Einsatz, vermutlich Stromschleudern wie die überteuerten Halogenlampen, die mehr Wärme als Licht abgeben und viel zu grell sind.

Viele mögen Energiesparlampen nicht, weil das Licht so kalt ist.
Dann haben sie falsch eingekauft. Es gibt Energiesparlampen in angenehmen Lichttönen, auch dimmbare. Es gibt überall effiziente Lösungen. Das schwedische Unternehmen Asko hat den sparsamsten Geschirrspüler der Welt entwickelt. Ist das Spülwasser sauber, beendet er das Programm. Herkömmliche Geräte lassen stur die Standardzeit ablaufen.

Solche Geräte sind aber teurer.
Der Mehrpreis ist moderat und zahlt sich aus. Strom und Wasser sind nicht billig. Warmwasser sollten wir nicht mit Strom aufheizen, dafür gibts Sonnenkollektoren. Optimal sind 44 Grad, das reicht für Dusche und Bad aus. Schmutz an Kleidern oder Geschirr geht ein gutes Waschmittel schon ab 20 Grad an den Kragen.

Warum geschieht all dies nicht?
Es gibt Hindernisse. Warum soll jemand die Wohnung energieeffizienter machen, wenn sie dem Vermieter gehört? Warum soll ein Vermieter das Haus energetisch sanieren, wenn der Mieter die Strom- und Heizkosten bezahlt? Viele Anreize sind falsch gesetzt. Das Honorar der Architekten hängt von der Bausumme ab. Würden wir sie statt dessen dafür bezahlen, Energie zu sparen, erhielten wir viel effizientere Gebäude.

Aber der Verbrauch nimmt zu.
Im US-Bundesstaat Vermont haben die privaten Verbraucher den Stromverbrauch kontinuierlich gesenkt. Und in Kalifornien ist der Elektrizitätskonsum pro Kopf seit 30 Jahren stabil, obwohl Wirtschaft und Wohlstand anstiegen.

Wie war das möglich?
Die Hälfte geht zurück auf strengere Verbrauchsvorschriften. Die andere Hälfte erzielten die Stromversorger, indem sie ihren Kunden halfen, effizienter zu werden.

Elektrizitätswerke wollen Strom verkaufen, nicht sparen.
Deshalb änderte der Regulator die Preisgestaltung. Verkauft ein Elektrizitätswerk mehr Strom als bei der Preisfestlegung erwartet, gehen die Zusatzeinnahmen auf ein Ausgleichskonto. Sinken die Verkäufe, entnimmt man die Differenz dem Ausgleichskonto.

Und die Belohnung?
Sie wurde in einem zweiten Schritt eingeführt. Seither erhalten die Elektrizitätswerke einen Anteil der Summe, die ihre Abnehmer dank tieferem Verbrauch einsparen. 1992 bezogen die Kunden der Pacific Gas & Electric weniger Energie und sparten so 400 Millionen Dollar ein. Das Unternehmen wurde für die Einbussen aus dem Ausgleichskonto entschädigt und erhlielt zehn Prozent der 400 Millionen, einen ausserordentlichen Gewinn von 40 Millionen Dollar. Überall auf der Welt, wo es eingeführt wurde, hat dieses Modell Effizienzsteigerungen beflügelt. Die Wirkung wäre auch in der Schweiz nicht anders.

Interview: Thomas Müller / Bild: René Ruis


Topphysiker


Der Physiker Amory Lovins (61) gilt als einer der einflussreichsten Vordenker des Öko-Kapitalismus, der wirtschaftliche Anreize mit umweltgerechtem Verhalten verbindet. Er gründete und leitet das Rocky Mountain Institute, eine Forschungs- und Beratungsorganisation für nachhaltige Entwicklung im US-Bundesstaat Colorado. Lovins ist zehnfacher Ehrendoktor und wurde mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Er publizierte 30 Bücher, darunter mit Ernst-Ulrich von Weizsäcker "Faktor vier". Lovins lebt mit seiner Frau Judy Hill in einem Nullenergiehaus in Colorado.